Garching (09.09.2007). Eine
Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern aus den USA und Deutschland hat ein Konzept
für ein neuartiges "Ultramikroskop" für Nanostrukturen vorgelegt. Das neue
Verfahren soll es erstmals ermöglichen, kürzeste, in Attosekunden ablaufende
Prozesse direkt und mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung zu beobachten.
Hilfreich wäre das Ultramikroskop etwa bei der Beobachtung metallischer
Nanostrukturen, die aus nur einigen tausend Atomen bestehen und optische und
elektronische Eigenschaften aufweisen, die bei ausgedehnten Festkörpern nicht
vorkommen. Wenn elektromagnetische Strahlung (Licht) auf solche Nanopartikel
einwirkt, kommt es zu kollektiven kohärenten Schwingungen der Elektronen, die
auch Oberflächenplasmonen genannt werden. Von einem besseren Verständnis dieser
Vorgänge würden insbesondere Anwendungen in der optischen und optoelektronischen
Informationsverarbeitung, -übertragung und -speicherung profitieren. Ebenso
würde das Ultramikroskop die Spektroskopie einzelner (Bio)moleküle erleichtern,
bei denen Nanopartikel als Antenne die Wechselwirkung mit Licht verstärken. Der
Arbeitsgruppe gehörten Wissenschaftler der Georgia State University (Atlanta,
Georgia, USA), des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik in Garching (MPQ) sowie
der Ludwig Maximilians-Universität in München (LMU) an.
"Plasmonen
erzeugen sehr hohe elektromagnetische Felder am Ort und in der unmittelbaren
Umgebung des Nanoteilchens. Aber wie sich diese Plasmonenfelder auf- und wieder
abbauen, ist noch nicht im Detail verstanden. Die schnellsten dieser kollektiven
Bewegungen spielen sich innerhalb von einigen hundert Attosekunden ab (1
Attosekunde ist ein Milliardstel von einem Milliardstel einer Sekunde) und
gehören damit zu den kürzesten in der Natur zu beobachtenden Prozessen",
erläutert Dr. Matthias Kling, Nachwuchsgruppenleiter am MPQ.
Ein
neuartiges Verfahren, die Dynamik plasmonischer Felder mit höchster Genauigkeit
zeitlich aufzulösen und räumlich abzubilden, hat nun der theoretische Physiker
Prof. Mark Stockman von der Georgia State University (Atlanta, Georgia, USA)
gemeinsam mit Experimentalphysikern der LMU und des MPQ erarbeitet. In ihrem
Modell simulieren die Wissenschaftler zunächst eine Anordnung von
Silber-Nanopartikeln auf einer Oberfläche, die mit extrem kurzen, nur einige
Femtosekunden währenden Pulsen (eine Femtosekunde ist ein Millionstel einer
Milliardstel Sekunde) beschossen werden. Unter der Einwirkung eines Lichtpulses
aus nur wenigen Schwingungsperioden entstehen Plasmonenfelder, deren Amplituden
und Eigenfrequenzen (sie liegen zwischen nahem Infrarot und nahem Ultraviolett)
von der Größe, Form und Umgebung des jeweiligen Nanoteilchens abhängen. Die
Dynamik der Plasmonen wird nun festgestellt, indem ein mit der Anregung
synchronisierter, etwa 170 Attosekunden langer Laserpuls, dessen Frequenz im
Extremen Ultraviolett liegt, auf die Nanostruktur geschickt wirkt und dort
Elektronen freisetzt. Die Energie und räumliche Verteilung dieser sogenannten
Photoelektronen spiegelt die Eigenschaften der Plasmonen wider, da sie zuvor in
deren Feld beschleunigt wurden.
"Bei dem hier vorgelegten Konzept
kombinieren wir zwei Verfahren, die jedes für sich bereits Stand der Technik
sind: Die 'Photoelektronen-Emissionsmikroskopie', kurz PEEM genannt, und die
Attosekunden-Streak-Spektroskopie", erklärt Prof. Ulf Kleineberg von der LMU.
"Wir erhalten dabei eine räumliche Auflösung, die in der Größenordnung der
Ausdehnung der Nanopartikel liegt, also einige 10 bis hundert Nanometer beträgt,
und erreichen gleichzeitig aufgrund der extrem kurzen Dauer der
Attosekundenblitze eine zeitliche Auflösung von etwa hundert Attosekunden.
Dieses Messverfahren legt die Grundlage, in Zukunft den Aufbau und die zeitliche
Entwicklung dieser Felder zu messen und durch maßgeschneiderte Lichtpulse
gezielt zu steuern."
Prinzip des Nano-Mikroskops für ultraschnelle Vorgänge
(-o Bild
gross)
(Quelle: MPQ)Grundsätzlich würde dieses
nanoplasmonische Ultramikroskop es erstmals ermöglichen, ultraschnelle Prozesse
in Nanosystemen direkt zu beobachten, etwa die Umwandlung von Sonnenlicht in
elektrische Energie. Die Wissenschaftler sehen aber zukünftige Anwendungen
dieser Technik vor allem in der Entwicklung von neuartigen Bauelementen, bei
denen lokalisierte nanoplasmonische Felder die Aufgaben von Elektronen in der
konventionellen Elektronik übernehmen, das heißt Informationen übertragen,
verarbeiten und speichern. "Der Vorteil läge darin, dass Plasmonen in diesen
Nanosystemen Informationsverarbeitung und -übertragung mit sehr viel größeren
Frequenzen (circa 100.000fach) erlauben als Elektronen in Festkörpern. Auf diese
Weise ließen sich vielleicht zukünftig extrem schnelle optoelektronische und
optische Systeme für die Informationsverarbeitung
realisieren."
Hintergrund-InformationOhne es zu
wissen, nutzten schon die Hersteller von gefärbten gläsernen Gefäßen im antiken
Rom beziehungsweise von Kirchenfenstern im Mittelalter die besonderen
Eigenschaften metallischer Nanopartikel aus. Indem sie der Glasschmelze
Goldstaub zusetzten, verliehen sie den Gläsern eine rötlich schimmernde Farbe.
Heute wissen die Fachleute, auf welche Vorgänge dieser Effekt zurückgeht.
Nanopartikel, das heißt Teilchen mit einer Ausdehnung von einigen wenigen bis
100 Nanometern - das ist kleiner als die Wellenlänge des sichtbaren Lichtes (400
- 800 Nanometer) - bestehen aus nur einigen tausend Atomen. Wenn sichtbares
Licht auf so ein Partikel fällt, sind die im Metall frei beweglichen
Leitungselektronen dem elektrischen Lichtfeld ausgesetzt und werden verschoben.
Da die Struktur sehr klein ist, kommen sie aber nicht sehr weit, sondern stauen
sich mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Auf diese Weise kommt es zu
synchronisierten kohärenten Schwingungen des gesamten Elektronenkollektivs.
Solche Schwingungen haben gewissermaßen Teilcheneigenschaften und werden daher
auch Oberflächenplasmonen genannt. Die rötliche Farbe in antiken römischen
Gefäßen und alten Kirchenfenstern basiert darauf, dass ein Teil des sichtbaren
Spektrums von den Goldnanopartikeln "verschluckt" und in Plasmonen umgewandelt
wird, sodass das durchscheinende Restlicht in den Komplementärfarben leuchtet.
[O.M.]
Literatur:
Stockman, Mark I.; Kling, Matthias F.; Kleineberg, Ulf; Krausz,
Ferenc: "Attosecond nanoplasmonic field microscope". In:
Nature Photonics, 1, 539 - 544 (2007), advance online publication September 3rd,
2007, doi:10.1038/nphoton.2007.169
AbstractKontakt: Prof. Mark Stockman,
Department of Physics and Astronomy, Georgia State University, University Plaza,
Atlanta, GA 30303-3083, USA, Tel. +1-678-4574739, Fax: +1-404-6511427, eMail:
mstockman@gsu.edu, Internet:
http://www.phy-astr.gsu.edu/stockman Dr. Matthias F.
Kling, Junior Research Group "Attosecond Imaging", Max-Planck-Institut für
Quantenoptik, Hans-Kopfermann-Straße 1, D-85748 Garching, Tel. 089.32905234 / -
747, Fax: -32905-200, eMail: matthias.kling@mpq.mpg.de, Internet:
http://www.attoworld.de/junresgrps/attosecimaging.html,
http://www.mpq.mpg.de/Prof.
Dr. Ulf Kleineberg, Fachbereich Physik der LMU München, Am Coulombwall 1,
D-85748 Garching, Tel. 089.28914003, Fax: -28914141, eMail:
ulf.kleineberg@physik.uni-muenchen.de, Internet:
http://www.physik.uni-muenchen.de/,
http://www.attoworld.de/Prof. Dr. Ferenc Krausz, Lehrstuhl
für Experimentalphysik, Ludwig-Maximilians-Universität München, Am Coulombwall
1, D-85748 Garching, Tel. 089.32905612, Fax: -32905649, eMail:
ferenc.krausz@mpq.mpg.de, Internet:
http://www.attoworld.de/,
http://www.munich-photonics.de/,
http://www.mpq.mpg.de/Dr.
Olivia Meyer-Streng, Presse, Max-Planck-Institut für Quantenoptik, Tel.
089.32905 213, Fax: -32905 200, eMail: olivia.meyer-streng@mpq.mpg.de, Internet:
http://www.mpq.mpg.de/