Elektronen
beim Tunneln erwischt Wir müssen einen
Berg erklimmen, um ihn zu überwinden - in der
Quantenphysik geht das auch anders: Objekte können
auf die andere Seite eines Hügels gelangen, indem
sie ihn einfach durchtunneln, anstatt mühsam über
ihn zu klettern. Ein internationales Forscherteam
um Prof. Ferenc Krausz vom Max-Planck-Institut für
Quantenoptik hat nun erstmals Elektronen bei
diesem Tunnelprozess beobachtet. Dieser Vorgang
ist für die Ionisation von Atomen unter dem
Einfluss starker elektromagnetischer Felder
verantwortlich: Die Elektronen überwinden die
anziehende Kraft des Atomkerns, indem sie durch
einen Potenzialwall tunneln. Mit ultrakurzen
Laserpulsen haben die Wissenschaftler nun diskrete
Ionisationsstufen in diesem Prozess nachgewiesen,
die jeweils einige 100 Attosekunden dauern. Die
Ergebnisse tragen entscheidend zu einem tieferen
Verständnis bei, wie sich Elektronen in Atomen und
Molekülen bewegen.
So wie die Schwerkraft einen Körper auf dem
Boden eines Tals zur Ruhe kommen lässt, so halten
die Kernkraft, die Protonen und Neutronen zum
Atomkern zusammenbindet, und die elektrische
Kraft, die die negativ geladenen Elektronen mit
dem positiv geladen Atomkern zu einem Atom
zusammenfügt, diese Teilchen innerhalb eines
winzig kleinen Raumes fest. Dieser Bindungseffekt
lässt sich ebenfalls durch eine Art Tal
darstellen, das die Physiker auch Potenzial
nennen. In der Welt der Quantenteilchen gehört es
gewissermaßen zur Tagesordnung, den Wall, der den
Potenzialtopf umgibt, zu durchtunneln. Ein
internationales Forscherteam um Ferenc Krausz hat
die Elektronen nun dabei ertappt, wie sie unter
dem Einfluss von Laserlicht durch das
Bindungspotenzial des Atomkerns tunneln. Die
Physiker nutzten dafür die neuen Werkzeuge der
Attosekundenmetrologie. "Unser Ergebnis bestätigt
zum ersten Mal in einer Echtzeitbeobachtung die
theoretischen Vorhersagen der Quantenmechanik",
sagt Ferenc Krausz, Direktor am
Max-Planck-Institut für Quantenoptik und Leiter
des Wissenschaftlerteams.
Der Tunnel-Effekt lässt sich aus dem
Wellencharakter jedes Teilchens erklären.
Makroskopische Objekte besitzen allerdings eine
extrem geringe Tunnelwahrscheinlichkeit, weshalb
dieses Phänomen hier noch nie beobachtet worden
ist. Im Gegensatz dazu können die Teilchen des
Mikrokosmos mit einer durchaus bedeutenden
Wahrscheinlichkeit durch Gebiete tunneln, in denen
sie sich nach den Gesetzen der klassischen Physik
gar nicht aufhalten dürften. Der Tunnelprozess
wird für so verschiedene Prozesse wie den Zerfall
von Atomkernen oder den Schaltvorgang in
elektronischen Bauelementen verantwortlich
gemacht. Da er aber nur extrem kurze Zeit dauert,
ist er bislang noch nie in Echtzeit beobachtet
worden.
Krausz und seine Mitarbeiter haben ihn jetzt
mit Hilfe zweier Lichtpulse live verfolgt: einem
intensiven Puls aus nur wenigen Wellenzügen roten
Laserlichts, und einem Attosekunden-Puls im
Extremem Ultravioletten, der mit dem roten Puls
perfekt synchronisiert ist. Das elektrische Feld
der Laserpulse übt periodisch starke Kräfte auf
die Elektronen aus: Zu den Zeiten maximaler Stärke
drückt die Lichtkraft den Potenzialwall nach
unten. Für einen kurzen Augenblick um den
Höhepunkt des Wellenbergs herum hat das Elektron
die Chance, die Barriere zu durchdringen und dem
Atom zu entkommen. Diese Möglichkeit besteht
ausschließlich bei den Wellenbergen, das heißt nur
in einem extrem kurzen Zeitintervall von einem
Bruchteil einer Femtosekunde.
Kein Instrument kann den Tunnel-Vorgang direkt
auflösen. Nachweisen lassen sich nur die
Endprodukte, das heißt die Atome, die im Anschluss
an den Laserpuls in ein Elektron und ein positiv
geladenes Ion zerfallen sind. Die Forscher mussten
sich daher eines Tricks bedienen, indem sie als
Untersuchungsobjekte Neonatome verwendeten. Hier
befinden sich die Elektronen in abgeschlossenen
Schalen, sind daher besonders fest gebunden und
widersetzen sich den Bestrebungen des Laserpulses,
sie aus dem Atom zu lösen. Nur Elektronen, die von
einem Attosekunden-UV-Blitz getroffen werden,
gelangen an die Peripherie des Atoms und können
sich durch Tunneln aus dem Atom befreien. Daher
können die Physiker nur Neonatome, die sie zuerst
mit einem solchen Blitz präparieren, später mit
einem roten Laserpuls ionisieren.
"Mit einem nur 250 Attosekunden dauernden
UV-Puls, der zeitlich genau mit dem roten
Laserpuls synchronisiert war, haben wir ein
Elektron zu jedem beliebigen Zeitpunkt innerhalb
der Laserwelle mit Attosekundenpräzision an die
Peripherie befördert", erklärt Krausz. Die
Forscher verschoben diesen Zeitpunkt, Schritt für
Schritt, und maßen dabei die Zahl der Atome, die
vom Laser ionisiert wurden. Auf diese Weise
konnten sie den zeitlichen Verlauf des
Ionisierungsprozesses rekonstruieren. Wie von der
Theorie vorhergesagt, verließen die Elektronen die
Atome in der unmittelbaren Nähe der intensivsten
Wellenberge. Auf diesen Stufen verweilen die
Elektronen weniger als 400 Attosekunden: Innerhalb
einer derart kurzen Zeit werden die Elektronen
durch die Lichtkraft aus den Atomen
freigesetzt.
Originalveröffentlichung: M. Uiberacker, Th.
Uphues, M. Schultze, A. J. Verhoef, V. Yakovlev,
M. F. Kling, J. Rauschenberger, N. M. Kabachnik,
H. Schröder, M. Lezius, K. L. Kompa, H.-G. Muller,
M. J. J. Vrakking, S. Hendel, U. Kleineberg, U.
Heinzmann, M. Drescher und F. Krausz; "Attosecond
real-time observation of electron tunnelling in
atoms"; Nature 2007. |