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Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2002, Nr. 258, S. 68

Forschung und Technik

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Schnappschüsse von einem angeregten Atom
Zeitliche Auflösung von weniger als einer billiardstel Sekunde


Als Ende des 19."Jahrhunderts zum ersten Mal entlang einer Rennstrecke aufgereihte Fotoapparate benutzt wurden, um ein galoppierendes Pferd aufzunehmen, machte die Fachwelt eine interessante Entdeckung: Das Pferd "schwebte" tatsächlich für den Bruchteil einer Sekunde vollständig in der Luft, ohne dass eines seiner Beine den Boden berührte. Ohne das technische Hilfsmittel der Photographie hätte man dies nie zweifelsfrei nachweisen können, da das menschliche Auge so schnelle Bewegungen nicht auflösen kann. Seit diesen frühen Versuchen, immer schnellere Vorgänge in der Natur zu untersuchen, hat die Wissenschaft enorme Fortschritte gemacht, die vor allem durch die Erzeugung immer kürzerer Lichtpulse möglich wurden. Einen neuen Rekord haben nun Physiker der Universitäten in Bielefeld und Wien aufgestellt.
Die Forscher befassten sich mit einem physikalischen Vorgang, der eine Billiarde Mal schneller abläuft als der Galopp eines Pferdes. Wird ein Atom mit Strahlung hoher Energie (zum Beispiel Röntgenstrahlung) beschossen, so kann diese ein dicht am Atomkern sitzendes und deshalb stark gebundenes Elektron aus dem Atom herausschlagen. In der entsprechenden Elektronenschale bleibt ein "Loch" zurück, das das Atom so schnell wie möglich wieder aufzufüllen versucht. Bereits nach wenigen Femtosekunden (billiardstel Sekunden) gelingt es dem Atom in der Regel, das Loch mit einem anderen Elektron zu stopfen und die Schale so wieder stabil zu machen. Aus Gründen der Energieerhaltung wird bei diesem Prozess ein weiteres Elektron (Auger-Elektron) ausgesandt. Ein genauer Einblick in derart schnelle Vorgänge blieb den Wissenschaftern bisher allerdings verwehrt.
Die Experimente des deutsch-österreichischen Forscherteams haben nun gezeigt, wie man die Abregung des Atoms mit hoher Zeitauflösung verfolgen kann. In ihren Versuchen schlugen die Physiker mit Hilfe eines knapp eine Femtosekunde langen Röntgenstrahl-Pulses ein inneres Elektron aus einem Kryptonatom. Kurz darauf liessen sie einen fünf Femtosekunden langen Laserpuls folgen, dessen elektrisches Feld das frei werdende Auger-Elektron beschleunigte. Die Beschleunigung hing entscheidend davon ab, an welcher Stelle ihres Schwingungszyklus sich die Laserwelle zum Zeitpunkt der Aussendung des Auger-Elektrons befand. Schwang sie auf, so wurde dieses nach oben beschleunigt, wogegen ein Abschwung der Welle das Elektron nach unten fliegen liess.
Die Energie, die das Auger-Elektron im Feld des Lasers aufnimmt, und die Richtung, in die es davonfliegt, verrät also indirekt, zu welchem Zeitpunkt es emittiert wurde. Indem die Forscher das Zeitintervall zwischen den beiden Pulsen kontinuierlich variierten, konnten sie den nur wenige Femtosekunden dauernden Prozess des Loch-Auffüllens Schritt für Schritt verfolgen. In Zukunft sollten Physiker in der Lage sein, selbst atomare Vorgänge, die sich in Bruchteilen von billiardstel Sekunden abspielen, zeitlich aufzulösen. Einen Namen, hergeleitet von der Masseinheit für den tausendstel Teil einer Femtosekunde, hat diese Forschungsrichtung schon: Attophysik.
Quelle: Nature 419, 789-790; 803-807 (2002).
Oliver Morsch


 
632756, NZZ , 06.11.02; Words: 462 , NO: 8HFTL





 
 
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